Martina

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Scene 1 (0s)

Page 1 of 7 CHAPTER 1 Zitrus und Stahl Martina trifft in einer Diskothek auf Rolf, einen Maschinenbauer aus Bondorf. Zwischen ihnen entwickelt sich eine unerwartete Verbindung, die über Smalltalk und Tanz hinausgeht. Wird dieser Moment zu etwas Bleibendem? Der Bass dröhnt durch den Fußboden, ein tiefer, vibrierender Puls, der sich durch die Sohlen von Martinas Schuhen frisst und in ihren Waden hängen bleibt. Es ist kurz nach Mitternacht, und die Diskothek ASCOT, dieses flache, unscheinbare Gebäude am Rand von Gültstein, das von außen aussieht wie eine umfunktionierte Lagerhalle, ist bis zum letzten Quadratmeter gefüllt. Die Luft im Inneren riecht nach verschüttetem Bier, nach Zigarettentrauch, der sich unter der Decke sammelt wie eine Schicht aus grauem Nebel, und nach dem scharfen, süßlichen Aroma von Haarparfüm, das die Frauen in der Garderobe großzügig aufgetragen haben. Die Discokugel über der Tanzfläche dreht sich langsam und wirft winzige Lichtpunkte auf die Wände, die mit schwarzem Samt ausgekleidet sind, und auf die Gesichter der Tänzer, die sich im Rhythmus der Musik wiegen und drehen. Martina steht am Rand der Tanzfläche, die rechte Hand um ein halbvolles Glas Bier gekrallt, die linke in der Hüfte abgestützt. Sie trägt ein dunkelblaues Kleid, das bis über die Knie reicht, und schwarze Pumps mit mäßig hohem Absatz, die sie an diesem Abend ausgewählt hat, weil sie darin laufen kann, ohne nach einer halben Stunde Stolperkrämpfe zu bekommen. Ihre Haare, die sie heute Abend mit einer Lockenstab in weiche Wellen gelegt hat, fallen ihr über die Schultern, und bei jedem Kopfbewegen streift sie eine Strähne aus dem Gesicht, die sich gelöst hat und ihr in die Augen fällt. Sie ist hier mit ihrer Freundin Susanne, die irgendwo in der Menge verschwunden ist, seit die Musik schneller wurde und die Stimmung auf der Tanzfläche kippte von gemütlich zu ausgelassen. Martina beobachtet das Treiben von ihrer Position aus, den Rücken an die Bar gelehnt, das Glas vor sich auf der Holzplatte. Ein Mann Mitte vierzig mit aufkrempeligen Ärmeln und einer goldfarbenen Uhr am Handgelenk versucht, eine junge Frau zum Tanzen zu überreden, die den Kopf schüttelt und dabei lacht, ohne ihn anzusehen. Zwei Männer in Lederjacken stehen beim Billardtisch in der Ecke und unterhalten sich, ihre Gesichter halb im Schatten, ihre Stimmen vom Bass verschluckt. Die Barkeeperin, eine Frau mit kurzem, rotem Haar und einem schwarzen Poloshirt, poliert Gläser, ohne hinzusehen, die Bewegung so mechanisch undRoutine wie das Ticken einer Uhr. Martina trinkt. Das Bier schmeckt bitter und kalt, und die Bläschen prickeln auf ihrer Zunge. Sie dreht den Kopf, sucht Susanne in der Menge, aber kann sie nicht finden. Die Neonröhren an der Wand hinter der Bar wechseln von Blau zu Pink zu Grün, und jedes Mal, wenn die Farbe wechselt, verändert sich das Licht auf den Gesichtern.

Scene 2 (1m 5s)

Page 2 of 7 der Menschen an der Bar, als ob jemand eine andere Folie vor eine Lampe schiebt. Sie bemerkt ihn, bevor sie ihn sieht. Ein Geruch, der sich durch den Zigarettenrauch und das Bier und das Haarparfüm drängt. Aftershave. Kein markiger, aufdringlicher Geruch, kein schwerer, süßer Duft, sondern etwas Frisches, etwas mit Zitrusnote vielleicht, das sich von der Umgebung abhebt wie eine kalte Hand auf warmer Haut. Martina wendet den Kopf, und da steht er, zwei Barhocker weiter, mit einem Glas Mineralwasser vor sich, das Eiswürfel darin klirren leise, als er das Glas hebt und einen Schluck nimmt. Er ist groß. Das fällt ihr zuerst auf. Und schmal, ohne hager zu wirken. Er trägt ein weißes Hemd, das am Kragen leicht geöffnet ist, und eine dunkle Jeans. Die Ärmel sind hochgekrempelt, und seine Unterarme sind sonnengebräunt. Das Haar ist dunkelblond, kurz, aber nicht zu kurz, und die Strähnen fallen ihm leicht über die Stirn. Er hat ein markantes Gesicht, eine gerade Nase, einen entschlossenen Mund, und die Augen – sie kann die Farbe im wechselnden Licht nicht genau erkennen, aber sie scheinen dunkel zu sein. Er ist vielleicht Anfang vierzig, und es scheint, als wäre er hier, ohne jemanden zu kennen, und als würde ihn das nicht stören. Martina wendet den Blick ab. Sie trinkt. Das Glas ist fast leer. Sie sieht auf die Uhr an ihrem Handgelenk und dann wieder auf die Tanzfläche, wo die Musik jetzt langsamer wird, ein Song, der ihr bekannt vorkommt, aber dessen Namen sie nicht greifen kann, einer dieser Songs, die man immer wieder hört, ohne zu wissen, wer sie singt. „Noch ein Bier?" Die Barkeeperin steht vor ihr, das Handtuch über der Schulter, die Hand auf dem Tresen. „Nein, danke", sagt Martina. „Ich muss noch fahren." Die Barkeeperin nickt und geht weiter, zu einem Mann am anderen Ende der Bar, der mit der leeren Hand winkt und ein leeres Bierglas in die Höhe hält. Martina schiebt sich von der Bar weg, mit dem Glas in der Hand, den letzten Schluck. Sie geht durch den Raum, vorbei an der Tanzfläche, vorbei an der DJ-Kabine, die in einer Ecke steht und aus der die Musik dröhnt, durch die Lautsprecher, die an der Wand montiert sind und bei jedem Bassschlag vibrieren. Sie will zur Garderobe, aber der Weg dorthin führt sie durch einen schmalen Gang, der an den Toiletten vorbeiführt, und sie muss sich durch die Menge drängen, die in diesem Gang steht und sich unterhält und blockiert. Entschuldigung, sagt sie, leise, und drückt sich an einem Mann vorbei, der sich nicht bewegt. Entschuldigung. Sie rückt an ihm vorbei, und er dreht den Kopf und grinst, und sie grinst nicht zurück, sondern geht weiter, bis sie am Ende des Gangs steht und die Garderobe sieht, einen Raum hinter einem Vorhang aus Perlen, der an einer Schnur hängt und klirrt, wenn jemand hindurchgeht. Sie geht nicht zur Garderobe. Sie bleibt stehen, weil ihr einfällt, dass es noch zu früh ist, um zu gehen, dass Susanne sie nicht finden wird, wenn sie einfach verschwindet, und dass es ein langer Heimweg ist, und dass die Musik jetzt langsamer wird, und dass sie noch nicht müde ist, nicht wirklich, nur die Füße ein wenig, von den Schuhen, und der Kopf ein wenig, vom Bier..

Scene 3 (2m 10s)

Page 3 of 7 Sie dreht um, geht zurück durch den Gang, und als sie aus dem Gang tritt und die Bar wieder sieht, steht er da, genau vor ihr, der Mann mit dem weißen Hemd und dem Mineralwasser, als wäre er ihr entgegengekommen, und sie bleiben beide stehen, einen Moment lang, und die Menschen um sie herum gehen vorbei, und niemand achtet auf sie. „Oh", sagt Martina. „Entschuldigung." Er lächelt. Es ist ein schmales Lächeln, das die Mundwinkel anhebt, aber die Augen nicht erreicht, die auf ihr ruhen, und sie hat das Gefühl, dass er sie ansieht, wirklich ansieht, nicht nur mustert, sondern dass er versucht, etwas zu erkennen, und sie weiß nicht, was. „Kein Problem", sagt er. Die Stimme ist tief, und sie hat einen leichten Akzent, einen süddeutschen Einschlag, der die Vokale rund macht und die Konsonanten weich. „Ich bin Rolf." Er streckt die Hand aus. Martina schaut auf die Hand, die groß ist und breit, mit kurzen, gepflegten Fingern und einer Uhr am Handgelenk, die nicht goldfarben ist wie die des Mannes, den sie vorhin beobachtet hat, sondern schlicht und silbern. Sie ergreift die Hand, und sein Griff ist fest, aber nicht zu fest, und die Haut an seiner Handfläche ist trocken und warm. „Martina", sagt sie. Er löst den Griff nicht sofort. Eine Sekunde, zwei, und dann lässt er los, und seine Hand sinkt an seine Seite, und die ihre greift nach dem Bierglas, das sie noch immer in der anderen Hand hält, dem leeren Glas, das sie nicht abgestellt hat, weil sie nicht zur Bar zurückgegangen ist. „Allein hier?" fragt er. „Mit einer Freundin", sagt Martina. „Aber die ist... irgendwo." Sie macht eine Geste, die die Tanzfläche umfasst, die Bar, die Menge, den ganzen Raum, und die Geste ist flüchtig und unpräzise, weil sie nicht genau weiß, wo Susanne ist. „Ich auch", sagt er. „Allein, meine ich." Er grinst, und diesmal erreicht das Grinsen die Augen, und die Augen, die im Licht der Bar jetzt dunkelbraun wirken, werden schmaler, und kleine Fältchen bilden sich an ihren äußeren Ecken. Die Musik wechselt. Der langsame Song ist zu Ende, und der nächste beginnt, ein schneller, treibender Rhythmus, der die Leute auf der Tanzfläche wieder in Bewegung setzt, und der Bass pocht durch den Raum, und die Discokugel dreht sich schneller, und die Lichtpunkte huschen über die Wände wie kleine Fische in einem Schwarm. Rolf beugt sich vor, und sein Mund kommt nah an ihr Ohr, und sie riecht den Aftershave wieder, die Zitrusnote, und etwas anderes, etwas Warmes, das von seiner Haut kommt, und er sagt, seine Stimme gegen den Lärm: „Tanzen?" Martina schaut auf die Tanzfläche. Paare und Gruppen, Menschen, die sich im Kreis drehen, die Arme in die Luft recken, die Hüften schwingen, und sie schaut auf ihre Schuhe, die Pumps, die nicht zum Tanzen gedacht sind,.

Scene 4 (3m 15s)

Page 4 of 7 sondern zum Stehen und zum Gehen und zum Gutes-Aussehen, aber nicht zum Tanzen, nicht zum Springen und Drehen und Sich-Bewegen im Rhythmus der Musik. „Ich weiß nicht", sagt sie, und ihre Stimme ist unsicher, und sie hasst die Unsicherheit, die sie in der Stimme hört, die sie nicht beabsichtigt hat. Er wartet. Er drängt nicht. Er steht da, das Glas in der einen Hand, die andere in der Hosentasche, und schaut sie an, und erwartungsvoll, aber nicht fordernd, und der Abstand zwischen ihnen ist weder zu groß noch zu klein, er ist genau richtig, und Martina fragt sich, ob er das instinktiv trifft oder ob es Zufall ist. „Gut", sagt sie, und stellt das leere Glas auf der nächsten Ablage ab, einer kleinen Holzplatte an der Wand, auf der noch andere Gläser stehen, und folgt ihm zur Tanzfläche. Die Musik ist schnell, und Martina ist keine gute Tänzerin. Sie bewegt sich, wie sie sich immer bewegt, wenn sie tanzt, ein bisschen links, ein bisschen rechts, die Hüfte, die Arme, und sie versucht, nicht an die Schuhe zu denken, die auf dem Linoleumboden, der die Tanzfläche bildet, leicht rutschen, und an die Leute um sie herum, die besser tanzen, die sich im Rhythmus bewegen, als wäre die Musik in ihrem Körper, und nicht nur in den Lautsprechern an der Wand. Rolf tanzt nicht besser als sie. Das fällt ihr auf, und es beruhigt sie. Er bewegt sich, aber ohne Eleganz, ohne die Geschmeidigkeit, die manche Männer haben, die tanzen können, als wären sie dafür gemacht. Er bewegt sich, wie ein Mensch sich bewegt, der Musik hört und reagiert, ohne Choreographie, ohne Plan, und seine Arme machen Bewegungen, die nicht ganz passen, und seine Füße treten manchmal auf die falsche Stelle, und er grinst dabei, ein breites, ungeschicktes Grinsen, das sagt: Ja, ich weiß, und es ist mir egal. Sie tanzen nebeneinander, nicht einander zugewandt, sondern beide in dieselbe Richtung, und sie schauen einander an, wenn die Musik einen Moment lang Pause macht, zwischen zwei Songs, in der Sekunde Stille, in der die Menschen auf der Tanzfläche aufatmen und die Hände sinken lassen, bevor der nächste Beat einsetzt. Der nächste Song ist langsamer, aber nicht langsam, und der Rhythmus ist weicher, und die Leute auf der Tanzfläche drehen sich umeinander und finden zu Paaren zusammen, und Rolf wendet sich ihr zu, und sie wendet sich ihm zu, und er legt eine Hand an ihre Hüfte, leicht, die Fingerspitzen nur, und sie legt eine Hand an seine Schulter, und sie bewegen sich, nicht eng, nicht distanziert, sondern in einem Abstand, der Raum lässt für Bewegung, für Atmung, für das Gespräch, das nicht geführt wird, weil die Musik zu laut ist für Worte. Martina bemerkt Details. Die Art, wie sein Hemd an den Schultern sitzt, nicht zu eng, nicht zu locker. Die Adern auf dem Rücken seiner Hand, die sich abzeichnen, wenn er die Finger bewegt. Der Duft, der von ihm ausgeht, der jetzt, in der Nähe, in der Bewegung, stärker ist als vorhin, und der sich mit ihrem eigenen Parfüm vermischt, und der Geruch, der dabei entsteht, ist neu, ist etwas, das es vorher nicht gab, und das sie nicht einordnen kann, aber das sie nicht abstoßt. Er beugt sich vor. „Woher kommst du?" Und die Stimme ist nah an ihrem Ohr, und der Atem, der warm ist, streift ihre Haut, und sie wendet den Kopf und sagt: „Nagold. Du?" „Bondorf", sagt er. Und dann, lauter, über die Musik hinweg: „Nicht weit.".

Scene 5 (4m 20s)

Page 5 of 7 Sie nickt. Bondorf. Das ist nicht weit, eine Viertelstunde mit dem Auto, vielleicht zwanzig Minuten, und sie fragt sich, ob er auch nach Hause fährt, heute Nacht, ob er allein im Auto sitzt und die Landstraße fährt, die von Gültstein nach Bondorf führt, durch die Felder und die Wälder, die im Dunkeln liegen, und ob er das Radio anhat oder das Fenster offen oder beides, und sie fragt sich, warum sie sich das fragt, und dann fragt sie sich, ob er dasselbe denkt, und dann hört sie auf, sich Fragen zu stellen, und tanzt. Der Song endet, und der nächste beginnt, und der ist wieder schneller, und sie trennen sich, und er tritt einen Schritt zurück, und die Hand, die an ihrer Hüfte lag, sinkt, und die Berührung, die dort war, bleibt, wie ein Abdruck, wie der Schatten, den eine Hand auf einer Sonne lässt, wenn man sie bewegt, und Martina reibt die Stelle, nicht bewusst, sondern mit einer Bewegung, die ihre Hand macht, weil sie etwas spürt, und sie nicht will, dass es verschwindet. Sie gehen zur Bar. Er geht vor, und sie folgt, und er dreht sich um, um zu sehen, ob sie hinter ihm ist, und als er sie sieht, wartet er, und sie geht neben ihm, und sie gehen zusammen durch die Menge, und die Menschen, die um sie herum stehen und sitzen und sich unterhalten, machen Platz, und es ist nicht so, dass sie zusammen gehören, aber es ist auch nicht so, dass sie nicht zusammen gehören, und der Unterschied ist nicht zu erkennen, nicht in diesem Licht, nicht in dieser Lautstärke, nicht in diesem Moment. An der Bar bestellt er ein Wasser und sie ein Bier, und sie zahlen getrennt, und er sagt: „Ich lade dich ein", und sie sagt: „Nein, das musst du nicht", und er sagt: „Ich weiß. Aber ich möchte", und sie sagt: „Gut", und er legt Geld auf den Tresen, und die Barkeeperin nickt und nimmt das Geld und gibt Wechselgeld zurück, und er steckt es in die Hosentasche, ohne zu zählen. Sie stehen an der Bar, nebeneinander, und trinken, und die Musik dröhnt über ihnen, aber sie reden, und das Reden ist schwierig, weil die Lautstärke alles verschluckt, was leiser ist als ein Schrei, und sie beugen sich zueinander, und die Köpfe sind nah, und die Münder sind nah, und die Worte, die sie sagen, sind nicht wichtig, nicht die Inhalte, sondern die Tatsache, dass sie gesprochen werden, dass sie da sind, dass sie gehört werden, von ihm, von ihr, von niemandem sonst. Er ist gelernter Maschinenbauer, sagt er. Arbeitet in einer Werkstatt in Böblingen, und die Arbeit ist hart, und die Hände, die er vor ihr auf die Bar legt, als er davon erzählt, sind die Hände eines Mannes, der mit ihnen arbeitet, der sie benutzt, der sie nicht schont, und die Haut ist rau an den Handflächen, und die Nägel sind kurz geschnitten, und an der Seite des linken Daumens ist eine kleine Narbe, die wie ein Halbmond aussieht, und als sie danach fragt, sagt er: „Angelhaken", und grinst, und das Grinsen ist schief, und es gefällt ihr. Sie erzählt von sich, von der Arbeit im Büro einer Steuerberatung in Nagold, von den Zahlen und den Formularen und den Telefonaten, die sie den ganzen Tag führt, und von der Eintönigkeit, die nicht schlimm ist, sondern die ist, wie sie ist, und die sie erträgt, weil das Leben ist, wie es ist, und weil es schlimmere Dinge gibt. Und er hört zu, und er nickt, und er fragt nach, und das Fragen ist nicht Routine, sondern Interesse, und das Interesse ist ehrlich, und sie spürt das, und es ist lange her, dass jemand so zugehört hat, dass sie das Gefühl hatte, dass das, was sie sagt, ankommt, und nicht nur abgewickelt wird. Die Zeit vergeht. Die Uhr an der Wand über der Bar zeigt halb eins, dann eins, dann halb zwei, und die Menge im ASCOT wird nicht weniger, sondern dichter, und die Musik wird nicht leiser, sondern lauter, und die Luft wird schwerer, und der Rauch unter der Decke wird dicker, und Martina und Rolf stehen an der Bar, und sie reden,.

Scene 6 (5m 25s)

Page 6 of 7 und sie tanzen, und sie reden wieder, und die Abstände zwischen ihnen werden kleiner, nicht viel, aber genug, um zu spüren, dass da etwas ist, das wächst, und das nicht benannt werden muss, um da zu sein. Er erzählt von seinem Hund, einem Schäferhund-Mischling, der heißt Rex, und der ist zwölf Jahre alt, und er hat graue Schnurren ums Maull, und er kann nicht mehr so gut hören, aber er wartet jeden Abend am Fenster, wenn Rolf nach Hause kommt, und Rolf sagt das, und seine Stimme wird weicher, und die Härte, die in den Gesichtszügen liegt, wenn er schweigt, löst sich auf, und Martina sieht etwas, das sie nicht erwartet hat, eine Seite, die unter der Oberfläche liegt, und die zum Vorschein kommt, wenn er von etwas spricht, das er liebt. Und sie fragt sich, ob er das weiß, ob er spürt, dass er sich verändert, wenn er von dem Hund spricht, und sie fragt sich, ob er sich verändern will, und sie fragt sich, ob das, was sie sieht, etwas ist, das er zeigt, oder etwas, das durch ihn hindurchbricht, und sie fragt sich, was von beidem sie lieber hätte, und sie kann die Frage nicht beantworten, und also lässt sie sie unbeantwortet und hört zu. Sie tanzen wieder. Der DJ legt einen langsamen Song auf, einen, den sie kennt, und als die ersten Töne aus den Lautsprechern kommen, erkennt sie die Melodie, und sie schaut Rolf an, und er schaut sie an, und er streckt die Hand aus, und sie ergreift sie, und sie tanzen, und diesmal ist der Abstand kleiner, und die Hand an ihrer Hüfte liegt fester, und die Finger greifen, nicht krallend, nicht besitzergreifend, sondern haltend, und sie legt die Hand an seine Schulter, und die Finger berühren seinen Nacken, und die Haut dort ist warm, und die Haare sind kurz, und sie spürt den Puls unter der Haut, oder bildet sie sich das ein, und es ist egal, ob sie sich das einbildet oder nicht, weil es da ist, das Gefühl, und es bleibt. Die Discokugel wirft Lichtpunkte auf sein Gesicht, und die Punkte huschen über seine Wangen, seine Stirn, seine Augen, und die Augen sind braun, das sieht sie jetzt, ein warmes Braun, das im Licht der Neonschienen schimmert, und die Fältchen an den Augenwinkeln sind tiefer, wenn er die Augen zusammenzieht, und er zieht sie zusammen, weil er lächelt, und das Lächeln ist nicht breit und nicht schmal, es ist einfach da, und es ist für sie, und sie weiß das, und sie lächelt zurück, und das Lächeln kommt von irgendwo, und sie fragt nicht, woher. Der Song endet, und der nächste ist wieder schnell, aber sie bleiben auf der Tanzfläche, und sie tanzen nicht, sondern stehen, und seine Hand ist noch an ihrer Hüfte, und ihre Hand ist noch an seiner Schulter, und sie schauen einander an, und niemand von beiden löst den Kontakt, und die Menschen um sie herum tanzen, und die Musik dröhnt, und die Lichter wechseln, und sie stehen still in der Bewegung, und das ist ein Moment, der nicht lange dauert, aber der sich anfühlt, als würde er lange dauern, und Martina denkt: Hier ist etwas, und der Gedanke kommt leise, und er kommt nicht von außen, sondern von innen, und er ist kein Schock, kein Blitz, sondern ein langsames Aufleuchten, wie die Sonne, die durch Wolken bricht, nicht plötzlich, sondern allmählich. Sie gehen zurück zur Bar, und er bestellt Wasser, und sie bestellt Saft, und sie stehen nebeneinander, und diesmal reden sie weniger, und das Weniger Reden ist nicht Stille, sondern etwas anderes, etwas, das da ist, wenn Worte nicht nötig sind, und Martina spürt das, und sie erschrickt nicht davor, und sie fragt nicht, was es ist, und sie lässt es da, und es ist gut, dass es da ist. Er fragt nach ihrer Telefonnummer. Er fragt nicht direkt, sondern er sagt: „Ich würde dich gerne wiedersehen", und dann wartet er, und sie schaut auf ihr Glas, und der Saft ist orange, und die Eiswürfel darin schmelzen, und das Wasser, das entsteht, vermengt sich mit dem Saft, und die Farbe wird heller, und sie schaut auf die Eiswürfel, und sie sagt: „Ja", und dann sagt sie die Nummer, und er hört zu, und er hat keinen Stift, und er.

Scene 7 (6m 30s)

Page 7 of 7 wiederholt die Nummer, und sie korrigiert ihn, und er wiederholt sie noch einmal, und diesmal hat er sie richtig, und er nickt, und sie nickt, und dann stehen sie da, und die Musik dröhnt, und die Menschen reden und tanzen und trinken, und sie stehen an der Bar, und die Eiswürfel in ihrem Glas schmelzen, und die Zeit vergeht. Susanne taucht auf. Sie kommt aus der Menge, die Haare zerzaust, die Wangen rot, das Kleid verschoben, und sie sagt: „Da bist du ja", und dann sieht sie Rolf, und sie grinst, und Martina sieht das Grinsen, und sie sagt: „Susanne, das ist Rolf", und Rolf sagt: „Hallo", und Susanne sagt: „Hallo", und dann sagt Susanne: „Wir müssen los, Martina, ich muss um acht raus", und Martina nickt, und sie trinkt den Saft aus, und sie stellt das Glas auf die Bar, und sie schaut Rolf an, und er schaut sie an, und es gibt einen Moment, in dem die Luft zwischen ihnen dicht ist, und dann sagt sie: „Ich muss dann", und er sagt: „Ich weiß", und er lächelt, und sie lächelt, und sie geht, und er bleibt, und Susanne geht vor, und Martina folgt, und an der Tür, als sie die Garderobe geholt hat und die Jacke trägt und Susanne draußen wartet, dreht sie sich um, und sie sieht ihn durch den Perlenvorhang, der die Garderobe vom Hauptraum trennt, und er steht an der Bar, und er schaut in ihre Richtung, und die Lichtpunkte der Discokugel fallen auf die Perlen, und sie funkeln, und er winkt, und sie winkt zurück, und dann geht sie. Draußen ist es kalt. Die Nachtluft riecht nach Erde und nach Diesel und nach dem Geruch, der von den Feldern kommt, die den Parkplatz umgeben, und der Himmel ist klar, und die Sterne sind da, klein und hell, und der Mond steht über dem ASCOT, einem flachen Bau, der im Mondlicht grau aussieht, und die Neonreklame über dem Eingang leuchtet rot und blau und wirft Lichtflecken auf den Asphalt. Susanne redet. Sie redet über den Mann, mit dem sie getanzt hat, und über die Frau, die ihr das Bier verschüttet hat, und über die Schuhe, die drücken, und Martina hört zu, und sie antwortet, und sie steigt in den Wagen, und sie schaltet den Motor an, und sie fährt, und die Landstraße liegt vor ihr, dunkel und schmal, und die Scheinwerfer des Wagens beleuchten die Straße, und die Bäume an den Rändern, und die Felder dahinter, und sie fährt, und Susanne redet, und Martina denkt an die Hand an ihrer Hüfte, und an den Duft mit der Zitrusnote, und an die braunen Augen, und an die Stimme, die Bondorf gesagt hat, und an die Telefonnummer, die sie gesagt hat, und an das Winken hinter dem Perlenvorhang, und sie denkt an all das, und es ist nicht viel, und es ist nicht wenig, und es ist genug, um zu wissen, dass etwas begonnen hat, und dass es nicht aufhören wird, nicht heute Nacht, und vielleicht nicht morgen, und vielleicht gar nicht, und sie fährt, und die Landstraße zieht sich vor ihr hin, und die Sterne stehen über den Feldern, und der Wagen rollt, und Martina sitzt am Steuer, und sie lächelt, und das Lächeln ist nicht für Susanne, und nicht für die Straße, und nicht für die Sterne, und es ist für etwas, das in ihr ist, und das wächst, und das sie nicht aufhält, und das sie nicht aufhalten will..